Connection Spirit April 2008

Alles ist Unschuld –
wenn Du es sehen und erkennen kannst …

Die Bilder der Hamburger Satsanglehrerin Astamaya wirken stark auf mich. Sie erinnern mich an etwas Unbeschreibliches in mir selbst. Dasselbe spüre ich, wenn ich in einen Kinderwagen schaue und darin zwei in großer Zufriedenheit ruhende, selige Augen entdecke. Beides strahlt für mich eine kraftvolle Sanftmut, die sich selbst absolut zugewandt und deshalb (noch) vollkommen selbstvergessen ist, aus. Vielleicht ist es das, was das Wort Unschuld nur sehr unzureichend beschreibt. - Ein Sonntagmorgen, ein großes Frühstück, was liegt da näher, als der Unschuld auf die Spur zu kommen …?

Die Fragen stellte Daniel Herbst
 

Daniel Herbst: Sind wir alle unschuldig?
Astamaya: Die Unschuld ist meistens verdeckt. Es ist fast so, als ob sich etwas über uns gelegt hätte. Ein Schmerzvirus, der uns Angst macht und uns Aggressivität oder Traurigkeit erleben lässt.

Hält uns der Schmerz davon ab, unschuldig zu sein?
Nein. Der Schmerz ist das Ergebnis der Identifikation mit dir als Person. Unschuld ist unsere wahre Natur. Wir können nicht anders, als unschuldig zu sein. Und doch kann die Unschuld bis zur Unkenntlichkeit entstellt sein. Z.B. ist George W. Bush nicht gerade der Prototyp des Unschuldslamms …

Was ist Unschuld? Oder besser gefragt: Wann mache ich mich schuldig?
Wenn das „Ich“ in mir auftaucht, werde ich zu jemandem, der sich schuldig fühlen – und damit auch schuldig machen kann. Zusammen mit dem „Ich“ kommt das „Du“. Mir erscheint eine Welt, die mir gegenübersteht. Ich erfahre die Trennung und das ist der Schmerz. Und wenn ich mich erst einmal getrennt fühle, dann kann ich das Undenkbare denken, mich schuldig fühlen und wie jemand handeln, der schuldig ist. In meiner Hilflosigkeit fällt mir nichts Besseres ein, als nachzuahmen, was mir vorgelebt wird. Ein ewiger Kreislauf der Trennung.

Und doch ist der ganze Prozess unschuldig?!
Ja. Und er ist notwendig, weil wir nur durch den Prozess erkennen können. Ohne Trennung wären wir vor uns selbst nicht aufgetaucht – ein Sinnbild dafür ist das Paradies. Im Paradies sind wir uns unserer selbst nicht bewusst. Wir leben in der Einheit. Da gibt es nichts anderes. Durch die Trennung wird der Bewusstwerdungsprozess erst ermöglicht. Ohne Trennung keine Bewusstwerdung. Wir mussten aus der Unschuld fallen um zu erkennen, dass wir wirklich unschuldig sind. Und erst wenn wir das zweifelsfrei erkannt haben, werden wir dementsprechend handeln.

Also mache ich mich in dem Moment schuldig wo ich nicht erkenne, dass ich unschuldig bin?
Ja, das würde ich so sagen. Wenn du nicht erkennst, wer du bist, kannst du Dinge tun, die du nicht tun könntest, wenn du erkennen würdest, dass du unschuldig bist. Wenn du dich entdeckt hast, kannst du keine Menschen – und auch keine Tiere – mehr ins KZ sperren. Dann kannst du nicht mehr vergewaltigen und unterdrücken. Kriege, Folter und Ausbeutung sind nur möglich, weil der Mensch sich noch nicht entdeckt hat. Deshalb demütigt er sich selbst unentwegt. Ein Mensch, der ein anders Wesen quält, quält immer auch sich selbst.

Meinetwegen. Aber jemand, der andere unterdrückt, muss sich nicht bewusst sein, dass er sich letztendlich selbst damit quält. Dann quält er, ohne etwas davon mitzubekommen. Vielleicht denkt er sich ganz im Gegenteil: Ich bin wunderbar. Ich habe  die Macht, andere zu demütigen und zu quälen.
Das kann sein. Dabei hat der Unterdrücker vor nichts mehr Angst als selbst unterdrückt zu werden. Statt sich der Angst vor dem eigenen Abgrund bewusst zu werden, projiziert er ihn nach Außen und handelt dementsprechend uneinsichtig. Er muss also „böse“ bleiben, um nicht unter der Last der Schuld zusammen zu brechen. Das ist ein furchtbares Schicksal!

Jetzt kommen  wir an den Punkt der relativen Schuld. An diesem Punkt  erkennst du nicht, dass alles, was du anderen antust, dir selbst entspringt. Wir sind ganz weit draußen aus dem Paradies, im Krieg mit uns selbst und anderen. Wie finde ich vom Krieg zurück in die Unschuld? George W. Bush wird wohl kaum zu dir in den Satsang kommen …
Ob wir wollen oder nicht: Erst einmal geht es darum, sich zu verirren. Schließlich leben wir in der Polarität! Darin muss ich nicht nur ertragen, was ich mir selber antue. Darin tue ich anderen etwas an und darin wird mir etwas angetan. Es scheint hier nicht gerade gerecht zuzugehen. Wenn du es wie George W. Bush machen willst, dann klage an und spreche schuldig. Oder erinnere dich daran, wer du wirklich bist.

Wenn ich mir deine Bilder ansehe, verstehe ich etwas, dass ich in dieser Welt nicht immer sehen kann. Dann wird mir die Welt wesenhaft. Das „in-sich-tragen“ ist für mich ein perfektes Bild für die Unschuld.
Da sind ein Mann und eine Frau. Die Vereinigung. Der Ausdruck ist das Kind. Es ist im Grunde genommen immer wieder ein Schenken und Weitergeben von sich selbst in Form des Neuen, des Unbekannten. Es geht immer wieder um das Geborenwerden. Die Freude zu sein gibt sich weiter und wird in jedem Fall empfangen. Das Leben fragt nicht danach, ob wir empfangen werden wollen. Wir, so wie wir uns kennen, kommen ja auch erst sehr viel später. Alles will erst einmal sein. Und nach einer Weile kommen wir ins Spiel. Dann ist da plötzlich jemand, der glaubt, dass er das, was ist, ablehnen kann. 

Wie kann ich den Zugang zu dem ursprünglichen Gefühl des „Seien-wollens“ wiederfinden?
Indem du aufhörst, dich für ein vorgestelltes Bild von dir selbst zu verbiegen. Du bist schon einmalig – ein kosmisches Unikat. Wenn du das zweifelsfrei erkannt hast, ist da niemand mehr, der etwas anderes darstellen will. Und damit hört jede Form der Selbstverleugnung auf. Das Leben hat dich ausgedrückt. Du lebst! Das, was in meinen Bildern zu Ausdruck kommt, ist schon das Eine. Du bist aus einer vollkommenen Verschmelzung hervorgegangen. Auch wenn sie von deinen Eltern auf der physischen Ebene nur mehr oder weniger bewusst vollzogen worden ist. Das Kind ist die Sichtbarwerdung der Freude am Sein. Und die Freude selbst ist absolut unschuldig.

Letztendlich besteht das Leiden darin, dass wir uns eben doch nicht unschuldig fühlen. Und ganz sicher leben wir in einer Welt, die weit weg von einem Zustand ist, der unschuldig genannt werden kann. Wie komme ich zur Unschuld zurück?
Indem du dir selbst vergibst. Erkenne, dass alles so geschehen musste, wie es geschehen ist. Lege dich nicht mehr mit deiner Vergangenheit an. Es heißt: Die Zeit heilt alle Wunden. Tatsächlich ist es eher so, dass du irgendwann vergisst, sie immer wieder aufzukratzen. Statt auf das Vergessen zu warten, kannst du dich den Wunden ganz unmittelbar zuwenden. Und das geht immer nur jetzt.
In mir selbst war so viel Schmerz. Ich habe mich so unendlich einsam gefühlt, traurig und verlassen. Aus lauter Verzweiflung habe ich mir mit 17 Jahren Ouspenskys „Der Dritte Kanon des Denkens“ gekauft. Da ging es um 24 Dimensionen … Nicht, dass ich da auch nur irgendetwas verstanden hätte, aber das Buch fiel mir in die Hände und ich fühlte intuitiv, dass es da noch etwas anders gibt. Da war eine so große Sehnsucht, die nicht wusste an wen sie sich wenden sollte. Ich bin lange herumgeirrt, weil ich nicht wusste, dass eine wirkliche Heilung möglich ist.

Warum müssen wir überhaupt geheilt werden? Was stimmt nicht mit dem Leben?
An einem bestimmten Punkt kann das Leben wirklich furchtbar sein. Das einzige, wonach wir uns wirklich sehnen, sind Liebe und Geborgenheit. Ich konnte sie in der Welt nicht finden. Ich habe alles dafür getan. Bis zur Selbstverleugnung. Ich habe mich verlassen. Ich war verlassen. Und das alles nur, um Liebe zu kriegen – um sein zu dürfen. Auf diesem Wege habe ich die Liebe nicht gefunden.

Wenn wir nochmal auf die Unschuld zurückkommen, heißt das, dass der ganze Prozess einschließlich des verlassen Werdens, des Wollens und des Anklagens dazu gehören. All das ändert nichts daran, dass wir essentiell unschuldig sind?
(Lacht) So ist es, ja. Du bist unschuldig. Und wenn du erkennst, dass du unschuldig bist, brauchst du das, was in dir abläuft, nicht mehr zu verurteilen. Du brauchst niemanden mehr zu beschuldigen. Du brauchst niemandem mehr die stellvertretende Verantwortung oder Schuld für deine Gefühle und Empfindungen zu geben. Wenn das alles aufhört, kommst du nach Hause.

In der Bibel steht sinngemäß: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Aber der, der ohne Schuld ist, würde ihn ja niemals werfen …
Ja. Und die, die Schuld auf sich geladen haben, haben in diesem Augenblick die Möglichkeit zu verstehen.

Und doch hat der Mensch keine andere Chance, als sich erst einmal schuldig zu machen?
Aber das hat nichts mit der Schuld zu tun, die die Kirche über uns ausgeschüttet hat. Und es ist natürlich auch keine juristische Schuld – kein Verbrechen. Die Schuld gehört zum Erkenntnisprozess ganz einfach dazu. Schuld und Unschuld sind unpersönliche Zustände.
Die Unschuld weist auf das vollkommene Verbundensein hin. Und die Schuld auf das Gegenteil, auf vollkommene Trennung. Das Wesen der Unschuld manifestiert sich im Bild des Kindes. Das Kind muss durch den Prozess der Schuld hindurch, um zu erkennen, dass es wirklich unschuldig ist.

Schuld ist also eigentlich etwas ganz anderes als das, was wir darunter verstehen?
Ja. Wenn wir uns getrennt fühlen, können wir alles tun. So ist das, was Sünde genannt wird – und uns zu „Sündern“ gemacht hat, entstanden. Statt alles ganz zu uns zu nehmen, spalten wir es von uns ab und werden so zu Büßern … Ein Büßer muss sich nicht von Grund auf wandeln. Ihm – und der Kirche scheinbar auch – reicht es, für seine schlechten Taten zu büßen. Jemand der allzu gerne im Beichtstuhl kniet und die von außen auferlegte Buße zum Zeichen seines Glaubens eifrig akzeptiert, braucht keine Einsicht. Alles muss inwendig passieren und zurück nach Hause geholt werden. Nehmen wir an, dass ich fehlgehandelt habe, dann erkenne ich das jetzt – und umarme es. Ich nehme es ganz in die Umarmung. Alles. Dadurch findet die Erlösung und Wandlung statt. Nur dadurch.

Wenn du alles zurückgeholt und ganz umarmt hast dann …
… bleibt nichts mehr übrig.

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Interview in der SEIN - Berlin / Ausgabe April 2005

Die lange Reise zur letzten Frage:
„Weggehen, um anzukommen ...“

Exemplarisch für mehrere Generationen von Reisenden, die sich seit Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf der Suche nach Sinn und spirituellen Werten auf den Weg rund um den Globus machten, ist das Leben der Hamburgerin Astamaya M. Bremer. Für SEIN hat sie ihre innere und äußere Reise rekapituliert.

Die Fragen stellte Shako M. Burkhardt.
 

Du bist in Deinem Leben viel unterwegs gewesen. Was hat Dich so angetrieben?

Es gab einen Punkt, Ende der 70er Jahre,  da fühlte sich mein Leben völlig sinn- und ausweglos an - ich war wie in einem Hamsterrad gefangen. An einem grauen Herbstnachmittag, der meine Stimmung exakt widerspiegelte - auf dem Weg zur S-Bahn - wurde mir klar, dass ich so nicht weiterleben konnte und es gab einen sehr starken Impuls, einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben zu ziehen - ohne dass ich irgendwie gewusst hätte, wie es danach weitergehen sollte.

Dem „Aufbruch zu neuen Ufern“ ging also ein „Nein“ voraus?

Genau. Das Hamsterrad drehte sich auf meine Kosten, ernährte sich von meiner Energie, und davon hatte ich genug. Ich wollte aussteigen, anstatt es mir dort gemütlich einzurichten und es weiter am Laufen zu halten. Trotz fehlender Perspektive gab es eine große Bereitschaft für neue Erfahrungen. Die machte ich dann bald mit der Entdeckung des Rebirthing*), wo ich zum ersten Mal erlebte, dass sich tief eingeschlossene Gefühle ausdrücken durften. Und statt meinen Schmerz weiter abzuwehren, versank ich ich in einem tiefen Meer aus unendlicher Traurigkeit. Die wiederum entfachte eine starke Sehnsucht nach Liebe.

Woher hast du den Mut genommen, Dich auf die Traurigkeit einzulassen?

Erstaunlicherweise bedurfte es von meiner Seite aus nur der Entscheidung, mir und dem Leben auf neue Weise zu begegnen. Die Frage des Mutes stellte sich mir nicht. Ich war bereit, mich auf eine mir völlig unbekannte Reise zu begeben, und ohne mein Zutun eröffnete sich mir nach und nach eine neue Welt. Das Rebirthing war so etwas wie eine Initialzündung gewesen, von der aus es keinen Weg mehr zurück gab. Ich bekam ein Buch von Eileen Caddy in die Hand, der Begründerin der Findhorn-Lebensgemeinschaft in Schottland, und mir war gleich klar, dass ich dorthin wollte. Ohne lange abzuwägen folgte ich diesem Impuls und reiste dorthin.

Was hat Dich an dem Buch so fasziniert?

Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Mir imponierte, dass Eileen Caddy ihrer Inspiration gefolgt war und etwas ins Leben gerufen hatte, wovon ich zu dieser Zeit nur träumen konnte: ein alternatives Lebensmodell – erdverbunden, von spirituellen Ideen getragen, auf dem Land. In einem ihrer Workshops wurde mir dann klar, dass mir der Schmerz sehr viel näher war als die Freude. Ich vertraute ihm, weil ich ihn für tiefer und wahrhaftiger hielt - Freude empfand ich als etwas Oberflächliches. Tatsächlich konnte ich damals noch keine Freude empfinden.Findhorn war eine große Entdeckung, aber ich bemerkte relativ schnell, dass es mir von der Struktur her nicht so sehr entsprach. Vielleicht war es mir ein bisschen zu dogmatisch: z.B. durften nur verheiratete Paare dort zusammen wohnen. Letztendlich war es aber der Schmerz, der mich nach einiger Zeit weiter trieb. Ich wollte damals einfach alles ausprobieren und mir nichts mehr vorgeben lassen. Ich probierte verschiedenste Meditationsformen aus, machte Reinkarnationsgruppen, entdeckte Zen-Encounter und ließ mich schließlich in biodynamischer Physiotherapie, Bioenergetik und in Tantra ausbilden.

Du hast also jede Menge neuer Erfahrungen gemacht. Haben sie Dich und Dein Leben grundlegend verändert?

Mein Leben ja, mich nicht. Es war dieselbe Angst in mir, dieselbe Schwere, dieselbe Traurigkeit, Gefühle, die nach wie vor nach Erlösung riefen. Die innere Suche ging mit immer ausgedehnteren Reisen einher. Mit dem Sufi-Meister Jabrane Sebnat ging ich in den Höhlen von Siena durch eine Erfahrung namens „Der blaue Tod“, eine Art Sterbe- und Ablöseprozess, dem eine halbjährige intensive Vorbereitung vorausging. Nach einer 14-tägigen inneren und äußeren Reinigung, der sich drei Tage und Nächte in der Dunkelheit unter der Erdoberfläche anschlossen, sah ich die Erde mit neuen und staunenden Augen, und da spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Dankbarkeit, begleitet von einer großen Kraft. Leider hielten auch diese Gefühle nicht allzu lange an. - Damals war mein Vertrauen einfach noch nicht groß genug. Es gab immer noch jemanden in mir, der diese Erfahrungen festhalten wollte. Ich wollte, dass sie mir gehörten, für immer bei mir blieben. Ich wollte etwas für mich. Aber letztlich blieb alles beim Alten: Ich versuchte nach wie vor, mir selbst zu entkommen. Anstatt das Leben einfach so anzunehmen wie es war, suchte ich weiterhin nach der Erlösung. Und nahm immer weitere Wege dafür in Kauf. Beim Wasserrebirthing im warmen Meer vor Koh Samui in Thailand machte ich dann eine Erfahrung, die meiner Vorstellung von Erlösung sehr nahe kam: ein unbeschreiblich schönes embryonales Empfinden - ganz von Meerwasser umgeben fühlte ich mich vollkommen sicher und geborgen. Diese Geborgenheit und Sicherheit wollte ich in meinem Leben finden und die schien mir in der Lebensweise der Schüler von Osho (Bhagwan Shree Rajneesh) widergespiegelt. Ihre Art, miteinander umzugehen, sprach mich unmittelbar an. Ich fand es revolutionär, wie Osho Therapie und Meditation miteinander verband und erlebte es als ungemein befreiend, dass seine Lehre nichts Asketisches an sich hatte. Bald darauf ging ich zu ihm nach Poona und wurde seine „Sannyasin“. Zum ersten Mal gab es für längere Zeit keine Widerstände mehr. Ich fühlte mich entspannt und wohl in meiner Haut. Ich wollte endlich leben.

Und damit war die Reise zu Ende?

Nein, keineswegs. Es zog mich weiter, diesmal nach Kalifornien. Ich wollte mich ausprobieren und arbeitete dort als Gruppenleiterin und Physiotherapeutin. Die Entspannung hielt an, die Sonne schien schon morgens am stahlblauen Himmel, ich hatte eine gute Zeit. Aber auch das war es nicht wirklich. Es war schön, aber ohne Tiefgang. Nach einem Jahr kehrte ich nach Hamburg zurück, wo ich dann von Freunden hörte, dass Michael Barnett nach Berlin kommen würde, der bis kurz zuvor  noch als einer von Oshos “Star-Therapeuten” unter dem Namen Somendra für Furore gesorgt hatte. Ich fuhr also nach Berlin – um wenige Wochen später in Michaels Community am Lago Maggiore in Italien einzuziehen. Ich wusste sofort, dass ich dahin wollte und irgendetwas ließ mich dort wirklich ankommen. Es tauchte kein Impuls mehr auf, weiter zu ziehen. Als die Community dann vier Jahre später von Italien nach Frankreich umzog, ging ich mit.

Eine spirituelle Gemeinschaft mit Meister und allem drum und dran - wie lebt es sich da, was hast Du da gemacht?

Michael Barnetts „Energy University“ wurde zu meinem Zuhause und er selbst bildete zum damaligen Zeitpunkt das Zentrum meiner Welt. Der Tagesablauf war stark strukturiert, es gab wenig freie Zeit. “Tune in, shut up and work” (Stimm dich ein, sei still und arbeite) war eine von Michaels Lieblingsweisungen. Und da war einiges dran. Nach und nach unterschied ich immer weniger zwischen der reichlich anfallenden Arbeit und den Meditationen. Das allabendliche Zusammensein mit dem Meister, das „Tuning-in“, bildete den Höhepunkt eines jeden Tages. Da ich in den zehn Jahren davor viele therapeutische und körperorientierte Ausbildungen gemacht und eigene Gruppen geleitet hatte, arbeitete ich nach kurzer Zeit im Therapeutenteam. Andererseits war ich auch ein ganz gewöhnliches Community-Mitglied, das voll in den täglichen Arbeitsablauf eingebunden war: Toiletten putzen, Geschirr spülen, kochen, Kinder betreuen, eben alles, was es so zu tun gibt.

Was ist da für Dich passiert? Um Geschirr zu spülen und Toiletten zu putzen, hättest Du Dich doch erst gar nicht auf die Reise begeben müssen?

Zunächst: Es macht einen sehr großen Unterschied, ob Du mit achtzig Menschen zusammen bist, die ohne Maske leben wollen oder ob Du weiterhin angestrengt versuchst, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Hier lebten Menschen, die genau wie ich selbst auf der Suche waren. Das empfand ich als unendlich erleichternd. Dadurch bot sich mir die Möglichkeit, Menschen auf sehr viel tiefer liegenden Ebenen zu begegnen. Aber im Laufe der Zeit kam noch etwas ganz anderes, sehr viel Entscheidenderes hinzu: Ich konnte dort einfach sein und zu mir finden. Irgendwie wuchs ich in mich hinein und aus mir heraus. Da gab es immer öfter Momente, in denen sich die Dinge wie von alleine taten. Es war ganz so, als ob ich im Tun aufgehen würde und darin verschwand. Schwer zu beschreiben, aber absolut wahrnehmbar. Ich war immer öfter mit allem einverstanden – selbst wenn da Schmerzen waren oder Traurigkeit. Ich konnte sie einfach da lassen.

Willst Du damit sagen, dass Du aufgehört hast Dich zu wehren?

Michael sagte mir einmal während des Tuning-ins: „Ich sehe Dich nackt schreiend über die Felder rennen.“ Das beschreibt es ziemlich genau. Doch es gab immer öfter Phasen, in denen sich diese schmerzerfüllte Astamaya in einer unendlich stillen Weite auflöste. Besonders wenn sie Gruppen leitete, Sessions gab oder im Park arbeitete. Das geschah wie von selbst: ein plötzliches Innehalten, ganz ohne Grund – es nahm immer mehr Raum ein.

Du sprichst von „ihr“ – ganz so, als ob Du mit „ihr“ nichts mehr zu tun hättest ...

Ich konnte die Struktur der Person immer besser sehen und mir wurde deutlich, dass sie nicht alles ist, was ich bin. Natürlich war die Struktur immer noch da und stellte mir ihre Themen vor, aber all das beeindruckte mich nicht mehr so stark. Trotzdem verwechselte ich mich nach wie vor mit der Person. Aber im Gegensatz zu früher gab es einen sehr großen Unterschied: Ich hielt es inzwischen für möglich, ein und für alle Mal anzukommen und mir wurde bewusst, dass ich nicht der Spielball der Umstände bin. Ich war kein Opfer mehr und versuchte nicht mehr, mir zu entkommen. Aber ein feines Geflecht von Vorstellungen hielt mich immer noch gefangen. Das waren natürlich ganz lichte und freiheitsliebende Vorstellungen. Aber es waren Vor-Stellungen. - Als ich dann für eine Wochenendgruppe nach Deutschland kam, traf ich den mir damals völlig unbekannten Advaita Lehrer Isaac Shapiro. Seine Aufrichtigkeit und seine kompromisslose Einfachheit berührten mich zutiefst. Er war so voll Liebe und Dankbarkeit für seinen eigenen Lehrer Papaji (Sri Poonja), dass sich daraus bei mir ein starker Impuls ergab, Papaji selbst aufzusuchen. Drei Tage, nachdem ich Isaac getroffen hatte, saß ich also wieder einmal im Flieger nach Indien. Ich wollte diese Quelle der Freude für mich selbst entdecken. Papaji hielt es zu dieser Zeit kaum noch in seinem Körper. Er saß auf einem von Blumengirlanden umgebenen Stuhl und lächelte uns nur noch an: er war die stille, selige Freude selbst. Zurück in Deutschland wollte ich nur noch eines: Isaac wiedertreffen. In München stellte ich ihm dann nur eine einzige Frage. Seine Antwort beendete alles. Die Reise war vorbei.

Was? Einfach so? Was hast Du ihn gefragt?

Diese Frage war meine Frage. Das heißt nicht, dass sie für jemand anderen bedeutungsvoll ist. Letztendlich geht es darum, die eigene finale Frage zu finden. Heute ist mir absolut klar, dass sich meine Reise auf überaus intelligente und folgerichtige Weise auf diese eine und für mich alles entscheidende Frage zu bewegt hat. Es ging also gar nicht um die Reise, sondern darum, diese Frage zu entdecken.

Warum willst Du sie uns nicht mitteilen?

Weil jeder Weg nur einmal gegangen werden will. Während ich fast dreißig Jahre lang auf einem – wie mir heute bewusst ist - völlig illusionären Weg war, will die Reise für einen anderen Menschen vielleicht viel früher zu Ende gehen. Voraussetzung dafür ist, dass die Frage nach Dir selbst zum Wichtigsten in Deinem Leben wird und lichterloh brennt. Solange Du Dich an das Vorübergehende verlierst, wirst Du Dich immer wieder verloren fühlen und versuchen, neue Ziele zu erreichen. Dabei ist nichts dazu da, für immer bei Dir zu bleiben. Nichts, außer Dir selbst. Darum gilt es, das allem zugrunde liegende Sein, die Präsenz Deiner selbst, zu entdecken.

Ist das der Grund warum Du heute Satsang gibst? Willst Du den Leuten ersparen, was Dir nicht erspart geblieben ist?

Das trifft es nicht ganz. Wenn wir über meine Reise sprechen, dann sieht es so aus, als ob sie mich schließlich ans „Ziel“ gebracht und von allen Leiden erlöst hätte, doch letztendlich ist das Leben selbst die eine, niemals endende Reise. Wenn Du das wirklich erkennst und Dich dem Leben vorbehaltlos anvertraust, können keine neuen Illusionen entstehen und damit ist es mit dem Leiden ein und für alle Mal vorbei. Dann verlierst Du jede Idee von Dir selbst und wirst völlig vorstellungslos. Und nur wenn Du vorstellungslos bist, wirst Du den herrlich duftenden Wind der Freiheit auf Deinem Gesicht spüren – nur dann. Wenn es mir überhaupt noch um etwas geht, dann darum, aufzuzeigen, dass die Freiheit darin liegt, von allen Illusionen frei zu sein.